Anleger schießen Investmentfonds ab

Der Investmentfondsbranche steht eine Krise bevor. Unter dem Eindruck der Kreditkrise zogen europäische Anleger im September 124 Mrd. Euro aus Investmentfonds ab. Experten rechnen bereits damit, dass sich die Lage bis Ende des Jahres verschlechtern könnte. Hinter vorgehaltener Hand wird von 400 Mrd. Euro für das Gesamtjahr gesprochen. “Diese Zahl hat nicht nur etwas mit dem Abziehen von Anleger-Kapital zu tun. Schließlich sollte auch der Cash-Burn mitberücksichtigt werden. Die Korrelation zu den Aktienmärkten war bei vielen Anbietern größer als zuvor erwartet”, so Björn Drescher, Mitbegründer und Geschäftsführer der Drescher & Cie Gesellschaft für Wirtschafts- und Finanzinformation.

Von der düsteren Prognose ist das Hamburger Emissionshaus MPC Capital betroffen. Das Unternehmen korrigierte heute, Dienstag, seinen Ergebnisausblick bereits das dritte Mal in diesem Jahr. Für 2008 wird nun mit einem Minus von 70 Mio. Euro gerechnet. Der Aktienkurs fiel bei Redaktionsschluss dieser Meldung (11:27 Uhr) um 16,30 Prozent auf 3,85 Euro. Obwohl die Hamburger einen Gewinn von zehn Mio. Euro erwarten, stehen diesem Wertberichtigungen auf die Beteiligung am Rivalen HCI Capital von insgesamt 80 Mio. Euro gegenüber. Angesichts der wegen der Finanzmarktkrise gesunkenen Nachfrage nach Fonds rechnet das Unternehmen zudem nur noch mit einem eingeworbenen Eigenkapital von 600 Mio. Euro. Bislang war man noch von 750 bis 850 Mio. Euro ausgegangen.

“Obwohl wir es mit Sondereffekten einer gigantischen Finanzmarktkrise zu tun haben, würde ich nicht von einer Krise der Fonds sprechen. Vielmehr sind die Anleger vor dem Hintergrund der allgemeinen Ausverkaufssituation verunsichert”, so Drescher gegenüber pressetext. Diese Einschätzung bestätigt sich in Hinblick auf die internationale Aktienmarktsituation. Wie das Handelsblatt heute berichtet, haben die Mittelabzüge der Anleger sowie die Kurseinbrüche an den Börsen das europäische Fondskapital im bisherigen Jahresverlauf um 16 Prozent auf 4,4 Bio. Euro gedrückt. Bei den Septemberzahlen schlägt die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers negativ zu Buche. Nach dem 19. September flüchteten die Investoren in die als sicher geltenden Anlageformen.

Aus Geldmarktfonds zogen die Investoren allein im September netto 66 Mrd. Euro ab und schichteten die Mittel oft in Bankeinlagen um - im Vorjahr wurden noch über 17 Mrd. Euro netto investiert. “Gerade wenn Fonds wegen Anteilsrückgaben liquidere und damit qualitativ hochwertige Positionen verkauft haben, sind jetzt nur noch weniger liquide Titel enthalten”, zitiert die Zeitung Günter Bonk, Leiter der Anlagegesellschaft Assénagon. Diese Zwangsverkäufe in Wertpapierfonds können in eine Abwärtsspirale aus Bestandsverkäufen, Kursverlusten und weiteren Anteilsrückgaben der Anleger führen. “Wir sind dem Boden näher gekommen. Auf diesem Bewertungsniveau braucht man auch nicht mehr verkaufen, sondern sollte durchtauchen”, so Drescher. Dem Insider nach seien vor allem die vom Staat zugesicherten Staatsgarantien für Banken und Bankeinlagen für das Debakel verantwortlich.

via pressetext


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